Kangen, FitLine & Co.: Was Multilevel-Marketing wirklich kostet

Stand: November 2026
Einleitung: Wenn aus Freunden Vertriebspartner werden
Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Aus Freundschaften, die über Jahre gewachsen waren, wurde nach und nach ein Verkaufskanal. Statt persönlicher Nachrichten kamen Werbebeiträge für Wasserionisierer, und immer wieder die Frage, ob wir nicht selbst einsteigen wollen. Ein Nein wurde nicht als Antwort verstanden, sondern als Einwand, den man nur noch nicht ausgeräumt hatte.
Lange habe ich das für persönlichen Übereifer gehalten. Je genauer ich mir die Geschäftsmodelle dahinter angesehen habe, desto klarer wurde: Dieses Verhalten ist kein Zufall, sondern im System angelegt. In diesem Artikel geht es deshalb nicht um einzelne Menschen, sondern um das Modell Multilevel-Marketing (MLM), kurz Network Marketing, am Beispiel von zwei Unternehmen, die in Deutschland aktiv sind: Enagic mit seinen Kangen-Wasserionisierern und PM-International mit der Marke FitLine. Die hochgestellten Zahlen im Text verweisen auf die Quellen am Ende des Artikels.
So funktioniert Multilevel-Marketing
Beim MLM verkaufen selbstständige Vertriebspartner Produkte, meist an Bekannte. Sie verdienen aber nicht nur an eigenen Verkäufen, sondern auch an den Umsätzen der Partner, die sie selbst angeworben haben, und an deren Partnern, oft über viele Ebenen hinweg. Wer nach oben will, braucht deshalb vor allem eines: neue Vertriebspartner unter sich.
In Deutschland ist das grundsätzlich legal. Verboten sind sogenannte Schneeball- oder Pyramidensysteme, bei denen der Verdienst vor allem aus dem Anwerben neuer Teilnehmer kommt (Nr. 14 im Anhang zum UWG). Wer Verbraucher mit dem Versprechen besonderer Vorteile dazu bringt, Waren abzunehmen, um dann andere zu werben, macht sich sogar strafbar (§ 16 Abs. 2 UWG, „progressive Kundenwerbung“).[1] Die Grenze zwischen erlaubtem Network Marketing und verbotener Pyramide verläuft dort, wo das Einkommen überwiegend aus echten Verkäufen an Endkunden statt aus dem Anwerben stammt. In der Praxis ist diese Grenze oft schwer zu ziehen.
Klein ist diese Branche nicht. Der Weltverband der Direktvertriebsverbände (WFDSA) beziffert den weltweiten Umsatz des Direktvertriebs für 2024 auf 163,9 Milliarden US-Dollar, erzielt von rund 104 Millionen selbstständigen Vertriebspartnern.[2] Zu den umsatzstärksten Unternehmen gehören laut der jährlichen Rangliste des Branchenmagazins Direct Selling News Amway (7,3 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr 2025), Herbalife (5 Milliarden), Natura &Co aus Brasilien, PM-International (4,1 Milliarden) und Nu Skin; aus Deutschland ist unter anderem LR Health & Beauty vertreten.[3] Nicht jedes Unternehmen auf solchen Listen vergütet über viele Ebenen: Die Zahlen umfassen den gesamten Direktvertrieb, also auch klassische Beratervertriebe – auf Platz drei steht etwa Vorwerk mit dem Thermomix.[3]
Die finanzielle Bilanz der Teilnehmer
Die solideste Untersuchung, die ich gefunden habe, stammt von der AARP Foundation aus den USA (2018). Sie beruht auf einer repräsentativen Befragung über ein Zufallspanel mit 601 Teilnehmern, die einmal in einem MLM aktiv waren.[4] Das Ergebnis:
- 47 % haben Geld verloren, 27 % sind bei null herausgekommen, nur 25 % haben Gewinn gemacht – und davon die meisten weniger als 5.000 Dollar.
- 75 % hatten vorher keinerlei Erfahrung im Provisionsvertrieb.
- Nur 40 % hatten vor dem Einstieg die Einkommensübersicht des Unternehmens gesehen.
- 65 % würden derselben Firma heute nicht mehr beitreten.
Die Zahlen beruhen auf Selbstauskünften. Sie decken sich aber mit dem, was die Unternehmen selbst veröffentlichen, wenn sie es denn tun: Bei Total Life Changes etwa erhielten 2023 laut eigener Einkommensübersicht 76,8 % der aktiven Teilnehmer überhaupt keine Vergütung. Das zeigt ein Verfahren der US-Verbraucherschutzbehörde FTC aus dem April 2026 gegen eine Spitzenverkäuferin, die Neulingen fünf- bis siebenstellige Einkommen in Aussicht gestellt hatte.[5]
Eine oft zitierte Zahl lautet übrigens, 99 % der Teilnehmer würden Geld verlieren – angeblich laut einer FTC-Studie. Das stimmt so nicht. Die Zahl stammt von dem MLM-Kritiker Jon M. Taylor, der sie als Stellungnahme bei der FTC eingereicht hat, und beruht auf seinen eigenen Annahmen. Ich verwende sie deshalb nicht.
Kangen-Wasser: Wer bezahlt eigentlich was?
Enagic verkauft Wasserionisierer, die „basisches“ oder „Kangen-Wasser“ herstellen. Das Spitzenmodell K8 kostet im Shop von Enagic Europe 4.600 Euro netto, mit deutscher Mehrwertsteuer also rund 5.470 Euro. Wer das nicht auf einmal bezahlen kann, dem bietet der Shop eine Finanzierung in bis zu 24 Raten an.[6] Verkauft wird ausschließlich über Vertriebspartner.
Was mich daran am meisten ärgert, ist das Verhältnis von Provision zu Produkt. Enagic Europe veröffentlicht seinen Vergütungsplan selbst: Pro verkauftem Gerät werden acht Provisionspunkte über bis zu acht Ebenen ausgeschüttet. Beim Spitzenmodell K8 ist ein Punkt 295 Euro wert – zusammen also 2.360 Euro Provision pro Gerät.[7] Das sind gut 51 % des Nettopreises. Und das ist noch nicht alles: Vertriebspartner ab Rang 6A erhalten zusätzlich einen „Bildungsfreibetrag“ von 130 Euro pro Gerät, dazu kommen monatliche und vierteljährliche Gruppenboni sowie einmalige „Titelanreize“ von 2.550 bis 81.600 Euro.[7] Wer ein solches Gerät kauft, bezahlt damit zu einem großen Teil nicht das Gerät, sondern die Vertriebsstruktur darüber.
Bemerkenswert ist auch, wer dieses Geld bekommt. Ein Einsteiger (Rang 1A), der tatsächlich berät und verkauft, erhält für einen K8 einen einzigen Punkt, also 295 Euro. Die übrigen sieben Punkte, 2.065 Euro, fließen an Partner weiter oben, die mit dem Kunden nie zu tun hatten. Erst wer mehr als 100 Verkäufe im Team vorweisen kann, erhält selbst sechs Punkte (1.770 Euro). Wie das System gedacht ist, zeigt das Rechenbeispiel auf der Enagic-Website selbst: Man verkauft zwei Geräte, und die Käufer „mögen sie so sehr, dass sie jeweils 2 Einheiten verkaufen“.[7] Der Kunde ist im Modell also von Anfang an als künftiger Verkäufer eingeplant.
Natürlich kostet Vertrieb immer Geld, auch im Einzelhandel steckt ein großer Teil des Preises in Handel und Marketing. Der Unterschied: Dort zahlt man für eine Leistung, hier zu einem großen Teil für eine Hierarchie. Und weil es die Geräte nicht im freien Handel gibt, gibt es auch keinen Wettbewerb, der den Preis drückt. Vertriebspartner drehen das Argument gern um: Ohne Groß- und Einzelhandel entfielen die Aufschläge, die Marge werde stattdessen als Provision ausgezahlt. Für den Käufer ändert das nichts – er zahlt die Marge trotzdem, nur an eine Vertriebshierarchie statt an einen Händler. Fairerweise sei gesagt: Anders als viele andere MLM-Unternehmen verlangt Enagic nach eigenen Angaben keine Anmeldegebühr, keine Lagerhaltung und – abgesehen von bestimmten Boni für hohe Ränge – keine monatlichen Mindestumsätze.[7]
Dazu kommen die Folgekosten. Der Ersatzfilter FC1 kostet im Shop 114 Euro netto, ab zwei Stück 91 Euro.[8] Getauscht werden soll er laut einem Ratgeber etwa alle sechs Monate[9] – das sind rund 180 Euro netto im Jahr allein für Filter. Auch an jedem Filter verdient die Vertriebsstruktur mit, laut Vergütungsplan 6 Euro pro Stück.[7] Wer zusätzlich ein Vorfiltersystem nutzt, braucht weitere Ersatzkartuschen. Und ohne Vertrieb geht nichts: Geräte lassen sich im Online-Shop nur mit Angabe eines Sponsors bestellen, und selbst beim Filterkauf fragt der Shop nach einer Vertriebspartner-ID.[8], [10]
Gesundheitsversprechen: der Motor des Verkaufs
Ein Wasseraufbereiter für über 5.000 Euro verkauft sich nicht über Geschmack. Er braucht ein außergewöhnliches Versprechen – und das liefern die Vertriebspartner. Behörden in mehreren Ländern haben das beanstandet:
- Italien (2015/16): Die Wettbewerbsbehörde AGCM verhängte gegen Enagic Italy ein Bußgeld von 80.000 Euro wegen irreführender Gesundheitsversprechen, unter anderem einer angeblichen Wirkung gegen Allergien, Übergewicht und sogar Krebs.[11]
- USA (Dezember 2021): Die FTC forderte Enagic in einem Unterlassungsschreiben auf, Behauptungen zu stoppen, Kangen-Wasser beuge COVID-19 vor oder behandle es. Die Aussagen stammten von Vertriebspartnern; die FTC machte deutlich, dass das Unternehmen dafür verantwortlich ist.[12]
- USA, Selbstkontrolle der Branche: Die Direct Selling Self-Regulatory Council (DSSRC) beanstandete 2021 und 2025 unbelegte Gesundheits- und überzogene Verdienstversprechen und prüfte im April 2026 erneut Social-Media-Beiträge von Vertriebspartnern mit Aussagen wie „Make the money you want“.[13]
- Bhutan (2022): Die dortige Verbraucherschutzbehörde stufte das Enagic-System als verbotenes Pyramidensystem ein. Begründung: Der Gerätekauf war Voraussetzung für die Mitgliedschaft, es gab Provisionen fürs Anwerben, und verkauft wurde mit unbelegten Gesundheitsversprechen.[14] Eine vergleichbare Einstufung durch deutsche oder europäische Behörden ist mir nicht bekannt.
Wissenschaftlich gibt es für die behauptete Gesundheitswirkung von basischem Wasser keine Grundlage. Der Körper reguliert seinen Säure-Basen-Haushalt selbst, und spätestens im Magen wird basisches Wasser neutralisiert. Eine systematische Übersichtsarbeit (Fenton & Huang, BMJ Open 2016) durchsuchte über 8.000 Quellen und fand keine einzige Studie, die basisches Wasser zur Krebsbehandlung untersucht hätte. Ihr Fazit: Die Bewerbung von basischer Ernährung und basischem Wasser zur Vorbeugung oder Behandlung von Krebs ist nicht gerechtfertigt. Die Autoren verweisen zudem auf eine Studie, in der eine Ernährungsumstellung den pH-Wert des Urins deutlich veränderte, den des Blutes aber praktisch nicht – um gerade einmal 0,014 Einheiten.[15]
„Aber es gibt doch Studien!“ Das stimmt – und genau deshalb lohnt der Blick hinein. Das Projekt Medizin transparent von Cochrane Österreich hat die Studienlage zu basischem Wasser untersucht und kommt zu einem knappen Urteil: „Gut gemachte Studien zum Thema fehlen.“ Die wenigen vorhandenen seien zu klein, zu kurz, methodisch schwach oder von der Industrie mitfinanziert.[16] Eine systematische Übersichtsarbeit fand 2022 nur neun geeignete Studien am Menschen; die Belege reichten nicht aus, um das Wasser der Allgemeinheit zu empfehlen.[17] Effekte, auf die sich Vertriebspartner gern berufen – etwa gehemmtes Tumorwachstum oder ein Schutz der Leber –, stammen vor allem aus Tier- und Zellversuchen.[18]
Aufschlussreich sind zwei Übersichtsarbeiten aus dem Jahr 2022, verfasst von Forschern, die der Wasserstofftherapie grundsätzlich positiv gegenüberstehen. Ihr Ergebnis: Wenn „elektrolysiertes reduziertes Wasser“, wie Kangen-Wasser in der Fachliteratur heißt, überhaupt etwas bewirkt, dann allein durch gelösten Wasserstoff – nicht durch den pH-Wert, „Mikrocluster“ oder „freie Elektronen“. Diese Vertriebsargumente seien widerlegt.[18], [19] Selbst der Wasserstoffgehalt liege oft unter therapeutisch relevanten Werten, und der bei Vorführungen gern gemessene negative Redoxwert sage darüber kaum etwas aus, weil er vor allem vom pH-Wert abhängt. Dieselben Autoren weisen auf Tierstudien mit Gewebeschäden und auf Fälle gefährlich erhöhter Kaliumwerte bei Menschen hin, die Wasser über pH 9,8 tranken. Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion raten sie, solches Wasser nur unter ärztlicher Aufsicht zu trinken.[18] Enagic selbst empfiehlt zum Trinken pH 8,5 bis 9,5 und das stärker basische Wasser nur zum Reinigen.[20]
Gern verweisen Vertriebspartner auch darauf, dass Ionisierer in Japan als Medizinprodukte zugelassen sind. Das stimmt – anerkannt ist dort laut dem japanischen Herstellerverband aber nur die Linderung von Magen-Darm-Beschwerden. Wirkungen etwa bei Diabetes oder Neurodermitis hält nicht einmal der Verband für wissenschaftlich belegt.[21]
Das Muster ist nicht auf Wassergeräte beschränkt: Auch bei FitLine sieht die Verbraucherzentrale Werbeaussagen, die gegen die Health-Claims-Verordnung verstoßen – mehr dazu im Abschnitt zu FitLine weiter unten.
emGuarde: Harmonie auf Knopfdruck
Enagic bietet in Europa inzwischen auch Geräte gegen „Elektrosmog“ an: das stationäre emGuarde für 1.350 Euro netto und seit August 2026 die Akku-Variante emGuarde Go im Zweierset für 2.420 Euro netto.[10] Laut Hersteller sollen sie für eine „ausgeglichenere“ elektromagnetische Umgebung sorgen. Als Funkamateur habe ich mir die Angaben genauer angesehen.
Wo die Angaben konkret werden, passen sie nicht. Für das stationäre emGuarde nennt der Shop als einzige technische Aussage, es könne hochfrequenten elektromagnetischen „Lärm“ zwischen 3 und 1000 MHz in einem Umkreis von vier Metern „harmonisieren“, bei einer Leistung von 0,5 Watt über USB.[22] Die Strahlungsquellen im Haushalt liegen aber größtenteils oberhalb von 1000 MHz: WLAN bei 2,4 und 5 GHz, DECT-Telefone bei 1,9 GHz, viele LTE-Bänder zwischen 1,8 und 2,6 GHz, 5G bei 3,6 GHz. Nach den eigenen Angaben des Herstellers deckt das Gerät also gerade die Quellen nicht ab, die man im Alltag am meisten nutzt. Für die Akku-Variante emGuarde Go nennt die Produktseite gar keinen Frequenzbereich, sondern nur Akku (5.000 mAh), Laufzeit (72 Stunden) und Reichweite (rund drei Meter Durchmesser). Im Kleingedruckten heißt es, das Produkt sei nicht dazu bestimmt, Krankheiten zu erkennen, zu behandeln oder zu verhindern, es diene nur dem persönlichen Wohlbefinden, und die Ergebnisse könnten individuell variieren.[23] Das Versprechen ist also so formuliert, dass es sich nicht überprüfen lässt.
„Harmonisieren“ ist kein physikalischer Vorgang. Elektromagnetische Felder überlagern sich, man kann sie nicht „ausbalancieren“. Strahlt ein Gerät selbst etwas ab, fügt es dem Raum zusätzliche Hochfrequenz hinzu. Strahlt es nichts ab, verändert es nichts. Beides ließe sich mit einem Spektrumanalysator messen. Messergebnisse, die eine Wirkung zeigen, legt der Hersteller nicht vor.
Ein Blick ins Patent. Händler verweisen auf das US-Patent 12539416.[24] Ob emGuarde tatsächlich danach arbeitet, ist offen – das Patent spricht von Frequenzen bis 2,6 GHz, der Shop nur von bis zu 1000 MHz. Ein Software-Dienstleister für Enagic-Vertriebspartner schreibt allerdings, emGuarde Go sende fortlaufend ein „harmonisches Frequenzfeld“ aus.[24] Es beschreibt einen aktiven Sender: Ein 36-MHz-Oszillator erzeugt Oberwellen bis 2,6 GHz, die gegenphasig zur gemessenen Umgebungsstrahlung abgestrahlt werden sollen. Als Wirksamkeitsnachweis enthält das Patent einen Test an einer einzigen Person.[25] Nach meinem Verständnis als Funkamateur kann das physikalisch nicht funktionieren: Gegenphasige Überlagerung löscht ein Feld nur an einzelnen Punkten aus und verstärkt es an anderen. Ein Raster aus 36-MHz-Oberwellen trifft die Kanäle von WLAN und Mobilfunk ohnehin nicht – 2.412 MHz, der erste WLAN-Kanal, ist kein Vielfaches von 36 MHz. Wenn das Gerät so arbeitet wie im Patent beschrieben, sendet ein Produkt gegen Elektrosmog selbst ein breitbandiges Funksignal. Wenn nicht, ist der Patentverweis bloß Dekoration. Und ein Patent belegt ohnehin keine Wirkung: Patentämter prüfen Neuheit, nicht Funktion.
Das Bundesamt für Strahlenschutz ist eindeutig. Sogenannte „Schutzprodukte gegen Elektrosmog“ sind aus seiner Sicht „zum Schutz der Gesundheit unnötig oder ungeeignet“. Ausdrücklich genannt werden dabei auch „Harmonisierer“; „Harmonisierung“ sei in diesem Zusammenhang ein Begriff ohne wissenschaftliche Grundlage. Das BfS weist zudem darauf hin, dass Hersteller oft selbst im Kleingedruckten einräumen, dass keine Wirkung nachgewiesen ist, und dass manche dieser Produkte die Felder im schlechtesten Fall sogar verstärken. Die gesetzlichen Grenzwerte bieten ausreichend Schutz. Wer seine Belastung trotzdem senken möchte, dem empfiehlt das BfS etwas Einfaches und Kostenloses: Abstand zum Gerät, beim Handy etwa per Headset oder Freisprechfunktion.[26] Die britische Werbeaufsicht ASA hat 2021 die Werbung für ein vergleichbares „EMF-Schutzgerät“ als irreführend eingestuft, weil weder ein Schaden durch Alltagsfelder noch eine Wirkung des Geräts belegt war.[27]
Und wieder: die Provision. Von den 2.420 Euro netto für das Zweierset emGuarde Go gehen laut einem Software-Dienstleister für Enagic-Vertriebspartner bis zu 1.000 Euro an die Vertriebsstruktur, gut 41 %. Den vollen Satz bekommt nur, wer selbst schon ein Kangen-Gerät besitzt. Empfohlen wird, emGuarde bestehenden Kunden als Zusatzprodukt anzubieten.[24] Wer schon einmal für ein Wassergerät gewonnen wurde, ist also die nächste Zielgruppe.
Das gilt nicht nur für emGuarde. Für die Badewanne bietet Enagic die „Anespa DX“ an, einen Wasserfilter mit „Thermalquellen-Mineralien“ für 2.800 Euro netto, der laut Shop „hochwirksam“ gegen Hautalterung und Sommersprossen sein und die Haut vor den „schädlichen Wirkungen“ des Leitungswassers schützen soll – Belege dafür nennt der Shop nicht.[28] Hinzu kommen Ersatzkartuschen, an denen die Vertriebsstruktur ebenfalls mitverdient.[7] Wer einmal gekauft hat, bekommt so schnell das nächste Gerät angeboten.
FitLine: teuer, hoch dosiert, ohne belegten Zusatznutzen
PM-International aus Luxemburg vertreibt unter der Marke FitLine vor allem Nahrungsergänzungsmittel und meldet für 2025 einen Umsatz von über vier Milliarden Dollar.[29] Die Verbraucherzentrale hat sich die Produkte angesehen (Stand Oktober 2026) und kommt zu einem deutlichen Ergebnis:[30]
- Einen klaren Zusatznutzen sieht sie nicht. Viele Produkte liegen deutlich über den Referenzwerten für die Tageszufuhr; wer mehrere Produkte kombiniert, etwa in Sets, kann einzelne Nährstoffe überdosieren.
- Für das beworbene „Nährstoff-Transportkonzept“ (NTC) gibt es keine wissenschaftliche Bewertung. Die angeblich bessere Aufnahme im Körper ist nicht belegt.
- Bei mehreren Produkten verstößt die Werbung gegen die Health-Claims-Verordnung. Aus dem zugelassenen „trägt zu einer normalen Herzfunktion bei“ wird etwa „unterstützt dein Herz“.
- Bei manchen Produkten ist Zucker die Hauptzutat, viele enthalten Koffein. Bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten sind Wechselwirkungen möglich.
Das ist kein neues Problem: Bereits 2016 dokumentierte die US-Verbraucherschutzorganisation Truth in Advertising bei PM-International – wie bei fast allen untersuchten MLM-Unternehmen für Nahrungsergänzung – Werbeaussagen, die eine Wirkung gegen Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Multiple Sklerose nahelegten, teils von Vertriebspartnern verbreitet.[31]
Auch hier hängt der Aufstieg der Vertriebspartner am eigenen Konsum und am Anwerben. Nach dem US-Vergütungsplan gibt es eine höhere Provision für alle, die selbst ein monatliches Abo abschließen. Für die höheren Ränge braucht man wachsende Gruppenumsätze und eine Mindestzahl angeworbener „Manager“, und für jedes neue Mitglied, das ein Einstiegspaket kauft, gibt es eine Prämie.[32] Eine öffentliche Einkommensübersicht, aus der hervorgeht, was ein typischer Partner tatsächlich verdient, habe ich von PM-International nicht gefunden. Bei über vier Milliarden Umsatz wäre das eine naheliegende Information.
Wer im Netz nach FitLine sucht, stößt übrigens schnell auf Artikel, die die Produkte und das Geschäftsmodell verteidigen. Einige davon erscheinen auf Nachrichtenseiten, sind aber nicht als Anzeige gekennzeichnet, nennen keine unabhängigen Quellen und übernehmen weitgehend die Darstellung des Unternehmens. Hier lohnt ein genauer Blick, wer etwas schreibt.
Der soziale Preis: Freundschaften als Vertriebskanal
Am meisten beschäftigt mich der Schaden, der sich nicht in Euro beziffern lässt. Wenn Geräte nicht im Handel zu haben sind und kaum jemand sie ohne persönliche Empfehlung kauft, sind die naheliegendsten Kunden immer dieselben: Freunde, Familie, Bekannte. Und der Vergütungsplan sorgt dafür, dass der Druck nicht nachlässt. Bei Enagic besteht laut eigenem Vergütungsplan jeder Provisionspunkt von 295 Euro aus 220 Euro Grundbetrag und 75 Euro „Sonderpunkt“. Den Sonderpunkt bekommt nur, wer innerhalb von 90 Tagen selbst einen Direktverkauf hatte.[7] Ein Viertel der Provision hängt also daran, dass man ständig weiterverkauft. Und wer aufsteigen will, muss andere dazu bringen, ebenfalls zu verkaufen. Die Firma muss niemanden ausdrücklich anweisen, seine Freunde zu bearbeiten – das System sorgt ohnehin dafür.
Die Folgen sind messbar. In einer Umfrage von LendingTree (2019, 1.098 Befragte in den USA) gab mehr als jeder Vierte an, MLM habe mindestens eine Freundschaft zerstört, jeder Fünfte berichtete von Spannungen in der Familie. 40 % fühlten sich im Vorjahr zum Kauf gedrängt, am häufigsten von Familienmitgliedern.[33] Und auch die Verkäufer selbst spüren es: Der häufigste Grund für den Ausstieg aus einem MLM ist laut AARP-Studie, dass es unangenehm war, Freunde und Familie anzusprechen (39 %).[4]
Interessant ist ein scheinbarer Widerspruch: In der AARP-Studie berichten nur 16 % der Vertriebspartner von negativen Auswirkungen auf ihre Beziehungen.[4] Befragt wurden dort aber die Verkäufer, nicht ihre Freunde. Die LendingTree-Umfrage fragt die Umworbenen – und kommt zu einem deutlich anderen Ergebnis. Die Verkäufer nehmen den Schaden oft gar nicht wahr. Eine qualitative Untersuchung an der Radboud-Universität Nijmegen (2017) zu Herbalife beschreibt, wie sich Freundeskreise dabei verschieben: Man umgibt sich zunehmend mit Menschen aus dem Netzwerk, Außenstehende ziehen sich zurück.[34]
Vom Verkäufer zum „Coach“: Wie heute verkauft wird
Kaum ein Vertriebspartner stellt sich heute noch als Verkäufer vor. Man begegnet „Coaches“, „Mentoren“, „Strategieberatern“ und „Teams“. Verkauft werden zunächst Gesundheit, Sinn und ein neuer Lebensentwurf – das Wassergerät ist der Einstieg, der Vertrieb das eigentliche Ziel. Wer sich die Websites ansieht, mit denen im deutschsprachigen Raum für Kangen-Wasser geworben wird, erkennt schnell ein wiederkehrendes Muster:
- Die Heilungsgeschichte. Am Anfang steht ein persönlicher Leidensweg mit chronischen Beschwerden. Dann die zufällige Entdeckung des Wassers, dann die Besserung. Eine solche Geschichte lässt sich weder überprüfen noch widerlegen – und sie wirkt stärker als jede Studie.
- Kein Firmenname, kein Wort von Vertrieb. Enagic wird oft gar nicht genannt, Network Marketing auch nicht. Stattdessen ist von „Team“, „Partnerprogramm“ und „Business-Aufbau“ die Rede. Dass die Person, die hier so begeistert berät, an jedem verkauften Gerät verdient, erfährt man nicht.
- Die Business-Variante. Bei Führungskräften und Unternehmern ist von Wasser oft gar keine Rede – verkauft werden dort Freiheit und ein neues Geschäftsmodell, und was am Ende tatsächlich angeboten wird, erfährt man erst später.
- Wissenschaftliche Begriffe ohne Wissenschaft. „Mikrocluster“, „Übersäuerung“, „Antioxidation“, „gepufferte Basen“ – genau die Argumente, die Fachleute als widerlegt oder wissenschaftlich nicht plausibel einstufen.[16], [19] Daneben stehen Versprechen für Herz, Kreislauf und Gefäße, also Heilversprechen der Art, wie sie Behörden in Italien und den USA bei Enagic beanstandet haben.[11], [12]
- Geliehene Autorität. Zitate von Buchautoren und „Experten“, Prüfsiegel bekannter Prüforganisationen – die allerdings Fertigung oder Wasserqualität betreffen, nicht eine Gesundheitswirkung – und der Hinweis, im Team seien auch Ärzte und Therapeuten.
- Gemeinschaft statt Kaufvertrag. Ein großes „Wir“, Webinare, Events, ein Mitgliederbereich. Die Betreuung nach dem Kauf wird zum Verkaufsargument – und bindet Kunden, die später selbst Partner werden sollen.
- Ein wachsendes Sortiment. Zum Wasser kommen weitere Angebote für dieselbe Zielgruppe hinzu, von „Frequenzen“ bis zum Schutz vor Elektrosmog.
- Finanzierung als Normalfall. Die Ratenzahlung wird gleich mit angeboten, das Gerät als langfristig kostensparend dargestellt.
- Erfolg als Bild. Auf Instagram und anderen Plattformen zeigen viele Vertriebspartner Strand, Reisen, schöne Autos und ein Leben ohne Chef – Freiheit und Wohlstand, ohne ein Wort über konkrete Zahlen. Die US-Verbraucherschutzbehörde FTC wertet solche Lifestyle-Darstellungen als versteckte Einkommensversprechen, die irreführend sind, wenn Teilnehmer typischerweise nicht so verdienen.[35] Gegen eine MLM-Spitzenverkäuferin ordnete die FTC 2026 ausdrücklich an, dass sie Einkommen auch nicht mehr über Bilder von Luxusgütern falsch darstellen darf.[5] Die Wirklichkeit sieht für die meisten anders aus: Fast drei Viertel verdienen nichts oder verlieren Geld.[4]
Bemerkenswert ist der Gegensatz: Enagic selbst schreibt in seinem Shop, die Produkte seien nicht dazu bestimmt, Krankheiten zu diagnostizieren, zu behandeln, zu heilen oder zu verhindern.[10] Die Heilversprechen machen andere – die Vertriebspartner, die dafür Provision bekommen. Das Unternehmen bleibt sauber, das Risiko tragen Verkäufer und Käufer.
Wer ein solches „Coaching“- oder „Team“-Angebot bekommt, sollte drei einfache Fragen stellen: Welches Produkt soll ich am Ende kaufen? Verdienst du daran? Und wo ist die unabhängige Studie für das, was du mir versprichst?
Die moralische Frage
Bisher ging es vor allem um Zahlen. Am Ende bleibt aber eine Frage, die sich nicht in Prozent ausdrücken lässt: Ist es in Ordnung, so zu verkaufen?
Ein Kangen-Gerät ist technisch kein Schwindel: Es filtert Leitungswasser und erzeugt per Elektrolyse basisches Wasser. Verkauft wird es aber nicht als Wasserfilter für über 5.000 Euro, sondern als Weg zu Gesundheit, Vitalität und Heilung – und genau für diesen Mehrwert fehlen die Belege.[16], [17] Der Preis wird nicht durch das Gerät gerechtfertigt, sondern durch ein Versprechen, das sich nicht belegen lässt. Und mehr als die Hälfte davon fließt in die Provisionsstruktur.
Besonders bedenklich ist, wen diese Versprechen erreichen. Ein Heilversprechen wirkt am stärksten bei Menschen, die krank sind, Schmerzen haben oder sich um einen Angehörigen sorgen. Wer ihnen ein Gerät zum Preis eines Gebrauchtwagens verkauft und die Finanzierung in bis zu 24 Raten gleich mit anbietet,[6] macht Hoffnung zum Verkaufsargument. Im schlimmsten Fall verschulden sich Menschen für ein Versprechen – oder setzen auf das Wasser statt auf eine wirksame Behandlung.
Überzeugen mit Messwerten, die nichts aussagen. Bei Vorführungen werden gern pH-Tropfen oder Redox-Messgeräte eingesetzt: Das Wasser verfärbt sich, das Messgerät zeigt einen deutlich negativen Wert – das wirkt wissenschaftlich. Der Redoxwert hängt aber vor allem vom pH-Wert ab und sagt über den angeblich wirksamen Wasserstoff kaum etwas aus.[18] Wer mit einem solchen Wert überzeugt, führt in die Irre – auch wenn er es selbst nicht weiß. Ähnlich funktionieren Vorführungen, wie sie aus dem Direktvertrieb von Wasserfiltern bekannt sind: Ein Leitwert-Messgerät zeigt beim Leitungswasser eine scheinbar bedrohliche Zahl – dabei misst es nur gelöste Mineralien, und der Grenzwert der Trinkwasserverordnung liegt um ein Vielfaches höher.[36] Und wer Leitungs- oder Kangen-Wasser mit Fluss- oder Pfützenwasser vergleicht, vergleicht Trinkwasser mit Wasser, das niemand trinken würde – das Ergebnis steht vorher fest.
Bei Nahrungsergänzung kommt ein Risiko hinzu. Die Verbraucherzentrale warnt bei FitLine vor Überdosierung, wenn mehrere Produkte kombiniert werden, und vor Wechselwirkungen mit Medikamenten.[30] Wer solche Präparate kranken oder medikamentös behandelten Menschen empfiehlt – ohne medizinische Ausbildung und mit Provision im Hintergrund –, übernimmt eine Verantwortung, die ihm niemand abnimmt.
Nicht nur Käufer zahlen drauf. Wer einen Freund nicht nur als Kunden, sondern als Vertriebspartner gewinnt, holt ihn in ein Geschäft, bei dem die meisten Teilnehmer nichts verdienen oder Geld verlieren – in der AARP-Studie waren es zusammen fast drei Viertel.[4] Verkauft wird dann nicht nur ein überteuertes Gerät, sondern die Hoffnung auf ein Einkommen, das sich für die meisten nie einstellt.
Eine Altersvorsorge, die keine ist. In der Branche wird gern mit „passivem Einkommen“ geworben. Manche stecken Ersparnisse und Jahre ihres Lebens in den Aufbau einer Struktur, von der sie im Alter leben wollen. Auf Werbeseiten von Vertriebspartnern heißt es dann, der einmal erreichte Rang gelte lebenslang und das Einkommen laufe auch ohne eigenes Zutun weiter. Der Rang mag bleiben – die Provision bleibt es nicht. Denn zumindest nach dem Handbuch von Enagic USA setzt auch dieses Einkommen voraus, dass man selbst weiterverkauft (mehr dazu weiter unten).[37] Wer im Alter oder wegen einer Krankheit nicht mehr verkaufen kann, verliert es.
Der verschwiegene Interessenkonflikt. Wer in Deutschland Wertpapiere vermittelt, muss offenlegen, ob und welche Provisionen er dafür erhält. Wer dagegen als „Gesundheitsberater“ oder „Coach“ ein Wassergerät empfiehlt, nennt seine Provision in aller Regel nicht – oft erfährt man nicht einmal, dass er überhaupt daran verdient, obwohl es pro Gerät um mehrere hundert Euro geht.[7] Eine Empfehlung, bei der man nicht weiß, dass der Empfehlende daran verdient, ist keine ehrliche Empfehlung.
Und wer trägt die Verantwortung? Das Unternehmen schreibt ins Kleingedruckte, seine Produkte seien nicht dazu bestimmt, Krankheiten zu heilen.[10] Die Vertriebspartner, die genau das versprechen, verdienen daran – und glauben oft selbst daran. So fühlt sich am Ende niemand verantwortlich, und doch verdienen alle Ebenen über dem Käufer mit. Ich halte das nicht für einen Zufall, sondern für die eigentliche Konstruktion des Modells.
Man muss niemandem böse Absicht unterstellen, um das problematisch zu finden. Es reicht eine einfache Frage, die sich jeder Verkäufer stellen sollte: Würde ich dieses Gerät auch dann empfehlen, wenn ich nichts daran verdienen würde?
Woran man problematische Angebote erkennt
- Der Einstieg setzt den Kauf eines teuren Produkts oder Starterpakets voraus.
- Höhere Provisionen gibt es nur für eigene regelmäßige Käufe oder Abos – wie etwa bei FitLine.[32]
- Für den Aufstieg müssen neue Partner angeworben werden.
- Das Produkt gibt es nicht im freien Handel, ein Preisvergleich ist kaum möglich.
- Es werden Heil- oder Gesundheitswirkungen versprochen, die man nirgends unabhängig belegt findet.
- Es gibt keine Einkommensübersicht – oder sie zeigt nur Bruttoprovisionen ohne die Kosten der Teilnehmer.
- Erfolg wird mit Luxus, Reisen und „finanzieller Freiheit“ inszeniert.
- Wer zögert, hört, es fehle ihm nur am richtigen „Mindset“.
Warum kluge Menschen nicht aussteigen
Eine Frage hat mich bei der Recherche am meisten beschäftigt: Warum steigen intelligente, beruflich erfolgreiche Menschen nicht aus? Manche waren vorher in Führungspositionen, kennen Verträge, Kalkulationen und Verkaufstaktiken – und bleiben trotzdem, oft über viele Jahre. Die Antwort hat wenig mit Intelligenz zu tun.
Wer oben steht, für den geht die Rechnung auf. Nur ein kleiner Teil der Teilnehmer verdient nennenswert Geld.[4] Wer dazugehört, verdient vor allem an den Verkäufen der Menschen unter ihm, und hohe Ränge werden zusätzlich mit Boni und Prämien belohnt.[7] Aus dieser Position sieht das Modell gut aus. Die Verluste der vielen anderen erscheinen dann als mangelnder Einsatz.
Intelligenz schützt nicht vor Selbsttäuschung. Kluge Menschen sind nicht unbedingt besser darin, Fehler zu erkennen – aber oft besser darin, überzeugende Gründe für das zu finden, was sie glauben wollen. Hinzu kommt: Wer gelernt hat, Kritiker als „Neider“ oder als Menschen mit dem „falschen Mindset“ zu sehen, empfindet Einwände nicht als Information, sondern als Bestätigung.
Mit jeder Stufe wird der Ausstieg teurer. Es geht nicht nur um laufende Einnahmen aus einer über Jahre aufgebauten Struktur. Es geht um Status und Selbstbild, um eine Gemeinschaft, die oft zum wichtigsten sozialen Umfeld geworden ist,[34] und um die investierten Jahre, die man ungern als Fehlentscheidung verbucht. Und es geht um etwas, das vermutlich am schwersten wiegt: Wer oben steht, hat viele andere geworben, oft Freunde und Familie. Auszusteigen und das Modell infrage zu stellen hieße, sich einzugestehen, dass man diese Menschen in etwas hineingezogen hat, das den meisten von ihnen kein Geld eingebracht hat.
Das „passive Einkommen“ ist nicht passiv. Selbst wer ganz oben steht, kann nicht einfach aufhören – etwa wegen Rente oder Krankheit. Nach dem Handbuch von Enagic USA erhält nur volle Provision, wer innerhalb der letzten sechs Monate selbst ein Gerät verkauft hat. Liegt der letzte eigene Verkauf sechs bis zwölf Monate zurück, gibt es nur noch die Hälfte, danach gar nichts mehr – auch keine Boni und Prämien, selbst wenn die Organisation darunter weiterverkauft.[37] Ob in Europa exakt dieselben Fristen gelten, konnte ich nicht prüfen. Der europäische Vergütungsplan bindet aber ebenfalls einen Teil jeder Provision an einen eigenen Verkauf innerhalb von 90 Tagen.[7] Wer seine Einnahmen behalten will, muss also bis zuletzt selbst weiterverkaufen – und damit weiter im eigenen Umfeld werben.
Ich glaube deshalb nicht, dass die Menschen in diesen Systemen dumm oder böswillig sind. Sie stecken in einer Struktur, die das Bleiben belohnt und das Gehen bestraft – finanziell, sozial und emotional. Das macht es nicht besser. Aber es erklärt, warum gute Argumente allein so selten etwas ändern.
Fazit
Multilevel-Marketing ist in Deutschland legal, und nicht jeder, der Produkte im Direktvertrieb verkauft, handelt unredlich. Viele Vertriebspartner glauben selbst an das, was sie verkaufen – und zahlen am Ende oft drauf. Das Problem liegt im Modell: Wenn mehr als die Hälfte des Kaufpreises in eine Provisionsstruktur über viele Ebenen fließt, braucht es außergewöhnliche Versprechen, um das Produkt zu verkaufen, und einen ständigen Strom neuer Kunden und Partner. Beides findet man am leichtesten dort, wo Vertrauen besteht. Genau das macht dieses Modell so teuer – nicht nur für das Konto, sondern auch für Freundschaften.
Für mich ist dieser Artikel eine Herzensangelegenheit. Wir haben in unserem privaten Umfeld viel zu viele tolle Menschen an MLM-Systeme verloren – Freundschaften, die irgendwann nur noch aus Produktempfehlungen und Einladungen ins Geschäft bestanden. Wenn dieser Text auch nur einer Person hilft, genauer hinzuschauen, bevor sie einsteigt oder ihre Freunde anspricht, hat er seinen Zweck erfüllt.
Hinweis: Dieser Artikel gibt meine persönliche Meinung wieder und stützt sich auf die unten genannten, öffentlich zugänglichen Quellen mit dem jeweils angegebenen Abrufdatum. Er ist keine Rechtsberatung und keine medizinische Beratung.
Quellen
- IT-Recht Kanzlei: Schneeballsysteme sind wettbewerbswidrig (abgerufen am 04.11.2026)
- Direct Selling News: WFDSA Releases Annual Stats Report, 08.12.2025 (abgerufen am 05.11.2026)
- Direct Selling News: Global 100 Lists 2026 (Umsätze 2025) (abgerufen am 05.11.2026)
- AARP Foundation: Multilevel Marketing Research Study (2018) (abgerufen am 04.11.2026)
- FTC: Vorgehen gegen MLM-Spitzenverkäuferin (April 2026) (abgerufen am 04.11.2026)
- Enagic Europe Shop: Leveluk K8 (abgerufen am 04.11.2026)
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Transparenzhinweis
Ich habe diesen Artikel mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erarbeitet – vor allem bei der Recherche, beim Auswerten der Quellen und beim Formulieren. Das Beitragsbild ist ebenfalls KI-gestützt entstanden. Inhaltlich ist es aber mein Artikel: Die Erfahrungen sind meine, die Bewertungen sind meine, und die Meinung ist meine. Jede Zeile habe ich selbst gelesen, geprüft und erst dann freigegeben; vieles habe ich geändert, ergänzt oder wieder gestrichen. Quellen und Fakten wurden zusätzlich mit mindestens einem weiteren KI-Modell gegengeprüft. Die Verantwortung für den Inhalt liegt allein bei mir. Wie ich grundsätzlich mit KI arbeite, beschreibe ich auf der Seite Wie.
